Wie eitel es ist

Von Henry David Thoreau, der im 19. Jahrhundert in Massachussetts lebte, unter anderem als Steuerverweigerer und Einsiedler bekannt wurde, stammt dieses Zitat:

How vain it is to sit down and write when you have not stood up to live.

Auf deutsch:

Wie eitel es ist, sich fürs Schreiben niederzusetzen wenn man im Leben nicht aufgestanden ist.

Das Original ist auf eine wunderbare Weise doppeldeutig, was meine Übersetzung eben nicht widergeben kann. Nicht nur ist das Aufstehen wortwörtlich gemeint. Es geht auch ums „to stand up to“ – sich gegen Widrigkeiten behaupten, sich durchsetzen. Oder einfach einer Sache ebenbürtig zu sein.

Wie eitel es ist, wegen des Schreibens willens zu schreiben.

Wie eitel es ist, Worte zu schreiben, die keinen Inhalt tragen.

Wie eitel es ist, Bettina Wulffs mehr oder weniger von Geistern geschriebenen Memoiren zu lesen, wenn es wahre und haarsträubende Berg-Geschichten von Walter Bonatti gibt.

Dies ist das grosse Problem, wenn man sich zum Schreiben niedersetzt. Über was soll man bitteschön… schreiben? Schon in der Schule kam alljährlich der grosse Schock: „Hausaufgabe: Schreibt bis Freitag einen Aufsatz. Thema: Was habt ihr in den Sommerferien erlebt?“

Ja, nun, huch, was habe ich denn da getan? Vermutlich etwas mit Schwimmbad, Lesen, TV. Natürlich herrscht dann ein gewisser Druck auf den SchülerInnen, die zu Hause blieben, und zum Beispiel nicht übers Disneyland, das Rote Meer oder Camping schreiben konnten.

Vielleicht ist diese Belastung auf dem Rücken jedes noch so kleinen Schreiberling doch das Beste, was ihm geschehen kann. Und wer was erlebt hat, muss kaum jemals ein leeres Blatt einen weissen Bildschirm anstarren, und schweisstreibend nach einem Thema suchen.