Alle Menschen in einen Topf werfen

Ja, das sollte man nicht. Weil alle Menschen individuell sind. Und trotzdem ist es gut, es zu tun.

Man reist in ein fernes Land, dazu noch in ein abgelegenes Gebiet. Du bist der erste Europäer, der längere Zeit dort verweilt. Du erzählst den Leuten, wo du herkommst. Und wie du dich verhältst, so wird es deren Bild von einem „Europäer“ prägen.

Du suchst ein Hotel auf. Wirdst angeblafft, wenn du unverschuldet zu spät ankommst, auf deine Fragen wird kaum eingegangen, und hast du eine Beschwerde, hat man erst recht keine Zeit. Wird dein Urteil auf den gesamten Betrieb abfärben, oder denkst du – und sei jetzt ehrlich – ob es nur ein Einzelfall war, ein einzelner, unhöflicher Mitarbeiter?

Du bist ein Veganer oder eine Veganerin, und erklärst allen Leuten, warum deine Ernährungsweise die einzig richtige ist. Ungefragt. Glauben die Leute dann eher, Veganer könnten sich mit ihrer Meinung zurückhalten, und würden die Geduld aufweisen, sich deine Sichtweise zu Gemüte zu führen?

Egal was du tust – wenn du in einer hitzigen Diskussion für Israel und gegen „diese Palästinenser“ Stellung beziehst, dann bist du, ob du es nun willst oder nicht, ein Botschafter Israels. Oder eben einer der Palästinenser, falls du die umgekehrte Rolle übernimmst.

Oder du erzählst von deiner Familie. Dann bist du der Vertreter, oder die Vertreterin deiner Familie. Widerspruch zwecklos: Du vertrittst andere Menschen. Du führst ein Geschäft in ihrem Namen. Und diese anderen Leute wissen nicht, welche Dinge du in ihrem Namen erzählst. Und in welchem Ton.

Ich gehe davon aus, dass du zur grossen Mehrheit gehört, die sich anständig verhält, die auf Kritikpunkte eingeht, die versucht, zuerst zu verstehen und erst dann sich zu äussern. Und du bist als Bewohnerin deines Landes in einem Topf mit vielen anderen Mitbürgerinnen. Du bist als Tierschützer in einem Topf mit anderen Leuten, die sich auch Tierschützer nennen. Oder du bist ein Student, der zusammen mit anderen mehr oder weniger fleissigen Studenten unter der Marke „Der Student“ auftritt.

Und du regst dich dann über einige Knalltüten auf, die durch ihr Handeln oder durch ihre Worte deine „Marke“, deinen Ruf ramponieren. Du hast dann zwei Möglichkeiten. Oder eher drei.

  1. Du tust nichts, weil du mit diesen Knalltüten nichts zu tun hast, und nicht für ihr Handeln verantwortlich bist.
  2. Du äusserst dich, und sagst, man solle dich und diese Knalltüten nicht in einen Topf werfen. Man solle die Sache differenziert betrachten.
  3. Du versuchst, dich mit klaren Äusserungen von den Knalltüten abzugrenzen, oder sie auszugrenzen, falls dies nichts fruchtet.

1, 2 oder 3?

Die erste Möglichkeit ist erstmal sehr bequem. Sie erfordert keine Handlung von dir selbst. Du lässt dich von den Knalltüten nicht beeindrucken. Das sind ja nur Krawallbrüder am Rande.

Aber durch ihr Auftreten ziehen sie den Ruf deiner Gruppierung herunter. Man assoziiert deine Gruppe aufgrund der Extremisten mit Gedanken, welche du eben nicht teilst. Und wenn man dich darauf anspricht, musst du dich erklären. „Was? Aber ich dachte, du seist doch auch gegen die Abtreibung, weil du bei … dabei bist?“

Die zweite Möglichkeit ist etwas weniger bequem. Aber immer noch sehr bequem. Man wirft dem Publikum sozusagen vor, sie hätten den Knalltüten, die aber in deinem Namen gehandelt haben, doch nicht zuhören sollen. Oder sie hätten die Botschaft deiner Gruppierung falsch verstanden.

Beide Möglichkeiten ignorieren, dass alle – aber vor allem die Lärmigen und die Lauten, die Zeterer und die Brüller – durch ihre Lautstärke und ihre Präsenz die Botschafter deiner Gruppe sind.

Bleibt noch die dritte Möglichkeit: Seine Marke zu pflegen! Zu versuchen, seine eigene Gruppierung, ob „Christ“ oder „Veganer“ oder „Gebrauchtwagenhändler“, mit einem guten Ruf zu verknüpfen. Indem man sich abgrenzt, sich klar äussert, indem man zu einer Debatte aufruft, indem man nicht stillschweigend den Bischöfen, die trotz „Nächstenliebe“ Homosexuelle und Geschiedene als minderwertig behandeln, das Feld überlässt. Man verschafft sich Gehör, man übernimmt die aktiv Rolle als Botschafter seiner Gruppierung, seiner Glaubensgruppe, seines Herkunftslandes oder seiner Überzeugung.

Du wirdst in einen Topf geworfen, ob es dir nun gefällt oder nicht. Du unterhältst und pflegst den Ruf der Leute, deren Botschafter du bist. Bist du reich, dann sei grosszügig und verstecke dich nicht in deiner Villa oder im Schauspielhaus. Bist du gelehrt, dann sag nicht allen Leuten, was Sache ist. Bist du intelligent, dann löse gemeinsam mit deinen Mitmenschen die anstehenden Probleme.

Die Pöbler und die Unflätigen am Rande deiner Gruppe sind Gegner. Auch wenn sie zu dir gehören, auch wenn sie prinzipiell deiner Meinung sind. Aber sie prägen auch dein Image, wenn du ihnen das Wort überlässt, und nicht dagegen hältst. Falsche Loyalität ist fehl am Platze – man möchte ja nicht für einen Rüpel seine Hand ins Feuer legen, sondern für eine Idee, die man gemeinsam gut findet.

Alle Menschen in einen Topf werfen?

Oh ja! Sprecht die Gemässigten immer schön auf die Extremisten an, die unter der selben Flagge mitlaufen. Nur dies erzeugt den notwendigen Druck, um die stille Mehrheit zu einer Standortbestimmung und zur Imagepflege zu drängen.

Der grosse Topf, in welchem man mithängt, ist ein grossartiges Werkzeug. Es fördert DEINE Zivilcourage. Geh raus, mache etwas, übernehme Verantwortung, und helfe mit, zusammen mit anderen Leuten einen guten Namen aufzubauen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s