Turtles can fly

Ja, Schildkröten können fliegen.

„Turtles can fly“ ist nicht nur der Titel eines kurdischen Kriegsdramas, der das Leben der Bevölkerung gleich nach dem Sturz Saddam Husseins zeigt. „Turtles can fly“ ist auch der Startpunkt für so einige Überlegungen im Bereich der Privatfliegerei.

Warum sollten Schildkröten nicht fliegen?

Zuerst einmal fallen sie nicht gerade durch ein niedriges Gewicht aus. Während Flugzeuge aus zumeist aus 7075-Aluminium gebaut sind – eine Legierung aus geringen Anteilen Zink, Magnesium und Kupfer, sehr leicht, trotzdem sehr stabil – haben Schildkröten vier Ständer, mit denen sie sich vom Boden abheben, wenn sie nicht gerade zu faul dafür sind. Diese Faulheit wird durch akuten Hunger zwar drastisch reduziert, aber trotzdem ist die Gemütlichkeit von Schildkröten kaum zu überbieten.

„Mich zwickt etwas am Po. Soll ich mich jetzt mühsam umdrehen und mit dieser fiesen Ameise ein paar ernste Wörtchen reden?“

Natürlich würde sich die Schildkröte für etwas Gelassenheit entscheiden, denn die Ameise wäre längst über alle Berge sobald die Kröte sich umgedreht hat.

Interessant ist die Stromlinienform des Schildkrötengehäuses. Insbesondere Meeresschildkröten achten bei ihrer Ernährungsweise auf einen schlanken Panzer, mit dem sie sprichwörtlich durchs Wasser fliegen. Bei Landschildkröten ebenso – im Galopp können Schildkröten beachtliche, sogar den Hauskatzen ebenbürtige Geschwindigkeiten erreichen. Nun hat aber mein Professor für Wirbeltierbiologie mal – völlig ungefragt – erklärt: „Ich habe noch nie eine galoppierende Schildkröte gesehen.“

Womit er wohl recht hat, denn ich bin kein Professor. Und womit wir beim nächsten Problem sind: Der Antrieb. Der lässt einen Galopp gar nicht zu. Aber zunächst mal zu den Problemen, die schon gelöst sind:

  • Bei allen Schildkröten ist die Oberseite des Panzers stärker gewölbt als die Unterseite. Wenn also Luft den Panzer umströmt, legt der Luftstrom über dem Tier einen weiteren Weg zurück als jener, der den Körper unterströmt. Damit aber der Luftstrom sich hinten zur gleichen Zeit vereinigt, muss die Luft, die den Umweg nimmt, schneller fliessen. Daraus resultiert ein Unterdruck, der einen Auftrieb erzeugt.
  • Die Steuerung ist recht simpel. Zwar hat eine Schildkröte von Hause aus keine Steuerflächen wie Höhen- oder Querruder. Trotzdem kann eine Kröte ihre Pfoten Stampfer einziehen, und so den Schwerpunkt verlagern und so den Kurvenflug ein- bzw. ausleiten.
  • Sichere Landungen werden durch langjähriges Vertrauen aufs Kopfeinziehen und einen stabilen Panzer gewährleistet. Mit Vorteil wird in einem Sumpf gelandet, wo hilfsbereite Kollegen und Kollegen schon bereitstehen. Es gibt nichts, das mit ein wenig Panzertape nicht repariert werden kann.

Und eben, der Antrieb.

Da bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte eine Schildkröte auf einem Hügel oben überwintern, und bei genügend Schnee einfach runterrutschen, um die Geschwindigkeiten V1 und V2 zu erreichen und dann in den warmen Süden fliegen.

V1 ist nur relevant, wenn die Startbahn aus irgendeinem Grund zu kurz ist, um den Start sicher abbrechen zu können. Zum Beispiel eine Mauer, mit welcher der Pilot kollidieren würde. V1 ist die Geschwindigkeit, über welcher ein Start nicht mehr abgebrochen werden darf. Unterhalb von V1 kann man immer noch bremsen, zum Stillstand kommen, tief Durchatmen, und nachher einen neuen Versuch wagen.

V2 ist die Geschwindigkeit, bei welcher der Auftrieb genug gross ist, um sicher abheben zu können. Und um V2 zu ermitteln, müsste man eine Schildkröte mit Pilotenbrille ausstatten und im Windkanal fliegen lassen, angebunden an ein Newtonmeter um Luftwiderstand und Auftrieb zu messen.

…Forschung tut Not. Insbesondere auch dazu, wie eine Schildkröte während dem Flug genügend Antrieb erfährt. Immerhin gibts dazu schon Konzeptstudien, welche aber das Innenleben des Tieres gehörig umkrempeln würde:

Und das ist gerade das Schöne: Man setzt sich etwas in den Kopf, glaubt an die grundsätzliche Möglichkeit eines Unterfangens, und klopft alle möglichen Wege, die zum Erfolg führen könnten, ab. Und ja, das ist auch Grundlagenforschung.

Grundlagenforschung ist, wenn Du keine Ahnung hast, wozu deine Überlegungen gut sind.

Mit jeder halbwegs beantworteten Frage stösst man auf zwei neue, die nach einer Beantwortung rufen. Man lernt und lernt mehr – handfestes Wissen aus dem Bereich Aerodynamik und Flugzeugbau.

Und das macht mich glücklich. Auch auf der Arbeit. „Vielleicht könnte man es mit Methoden X oder Y lösen, die ich beide mal angeschaut hatte, als ich früher mal mit einer dummen Idee herumgespielt hatte…“

Man braucht eben Zeit zum Spielen.

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