Das Haus am Hang

Um zu erfahren, wo ich denn so stehe und wohin es denn so weitergehen soll, besuchte ich einen Kurs. Wir uns lange gegenseitig befragt, nach Stärken und Schwächen, nach beruflichen Erfahrungen, nach Hobbies, die irgendwie sich irgendwie in die Laufbahn integrieren liessen.

In meinem Fall waren es zwei Hobbies – Blindenbetreuung und Nachhilfelehrer sein – welche die anderen Kursteilnehmer dazu brachten, mir eine pädagogische Weiterbildung nahe zu legen. Trotzdem – und dies freute und beruhigte mich ziemlich – sah das grosse Bild so aus: Du bist ein Wissenschafter. Du magst es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und du kannst auch schwierige Themen auf eine ansprechende Weise einem Publikum erklären.

Wenn in einem Vortrag über Infektionskrankheiten plötzlich ein Öltanker im Widescreen-Format zu sehen ist, dann war es wahrscheinlich ein Vortrag von dieser schreibenden Schildkröte hier.

Und dann lautete die Aufgabe im Kurs: Tut was etwas, das euch ganz gut tut.

Wir werden euch in der nächsten Stunde ausfragen. Also, tut etwas. Das euch gut tut.

Um dieses Problem zu lösen, ruft man eben um neun Uhr morgens die Oma an, fragt, ob sie für einen Besuch aufgelegt sei, und ob in ihrem Heim ein Bett frei sei – was sie eindrucksvoll bejaht – und ich solle bloss sagen, um welche Zeit ich bei ihr ankomme.

Während sich der Zug durch die hügelige, teils saftig grüne, teils bewaldete Landschaft schlängelt, nehme ich mit dem Handy ein paar Fotos auf. Denn ich wollte einigen Freunden aus Deutschland zeigen, wie die Gegend meiner Vorfahren so aussieht.

„Oh schön“, schrieben sie zurück. Und stellten mir einige Fragen, die ich aber nicht beantworten konnte.

Die Antwort kam von meiner Oma.

chabisrain„Du, das ist das Haus deines Ururgrossvaters.“

Mein Opa wuchs im selben Dorf auf, meine Oma im direkt benachbarten.

Und da begann sie über das Leben bei den Bauern zu erzählen. Wie meine Oma als Schulmädchen ein wenig Geld verdiente, indem sie den Arbeitern auf dem Feld Wasser brachte. Sie erzählte vom Knecht, der damals 1200 Franken im Jahr verdiente – wenn ein Knecht für die Pferde oder die Küche verantwortlich war, verdiente er mehr.

Am „Knechtesonntag“, am 2. Januar, hatten die Knechte frei. Sie machten dann ihre Kommissionen – schweizerisch für Besorgungen. Sie gingen zum Schuster und gaben die neuen Schuhe in Auftrag. Sie kauften im Dorfladen Wolle, um neue Socken lismen zu lassen. Oder einen zwei Kilo schweren Sack Tubak zum Kauen. Den Rest brachten sie auf die Bank.

Sie erzählte auch von der damals grassierenden Armut. Ärmer als arm seien einige Leute gewesen. Kleine Kinder zu dritt in einem Bett. Bauernhäuser, in welchen einzig die Küche und die Wohnstube geheizt werden konnte – denn der Ofen war integraler Bestandteil der Wand zwischen Küche und Stube.

Die Mutter meiner Oma besass einen Laden, welcher noch Pyjamas verkaufte, die innen mit einer Art „Plüsch“ gefüttert waren. Dies war aufgrund der Kälte auch bitter notwendig.

Wir leben nur eine begrenzte Zeit auf dieser Erde. Hatte ich als Kind noch eine gewisse Angst vor dem Sterben, hatte ich als Kind in einem Jugendmagazin einen Beitrag über den Tod und das Sterben gelesen, da musste ich nach dem Lesen heftig weinen. Warum müssen wir gehen? Warum kann die Unbeschwertheit, die Gesundheit, die Sonne und die Freunde nicht ewig währen?

Als junger Erwachsener war mir der Tod so egal wie er fern war. Unsere Familie ist von Unglücksfällen und schweren Krankheiten derart verschont, dass ich in meinen genealogischen Papieren sehr weit suchen müsste, um jemanden zu finden, der in einem Alter von weniger als fünfzig Jahren starb.

Von meinen Grosseltern lebt nun nur noch die Oma.

Mein Bild vom Tod wandelt sich wieder. Nun betrifft es mich mehr und mehr. Nämlich gar keine Grosseltern mehr zu haben – niemand mehr, die über die alte Zeit Auskunft geben kann und diese alte Zeit selbst noch gesehen hat. Als „Gramper“, Bahnarbeiter, im Takt mit schweren Hämmern aufs Schotterbett schlugen, um die Unterlage der Geleise wieder zu festigen. Als man noch Welschland-Jahre machte, und dabei die Spitfires und Mustangs über dem Genfersee fliegen sah und französische Ortschaften brennen.
Wir sitzen als Kinder gebannt vor unseren Grosseltern, hören uns ihre Geschichten an, glauben ihnen jedes Wort. Aber irgendwann stehen wir vor der Asche und suchen tastend nach glimmenden Stücken, die uns noch ein wenig Wärme spenden könnten.

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