Echte Kunst!

Kunstfälscher, sofern sie nicht gerade auffliegen wollen, studieren jahrelang den Stil und die Technik der Maler, die sie imitieren wollen. Sie stellen, sofern möglich, dieselbe Farben her, mit denen man vor dreihundert Jahren malte, sie versuchen, irgendwo gleichwertige Pinsel aufzutreiben.

Auch konstruieren sie Öfen, um die Gemälde zu mit Hitze zu beschädigen, damit man ihnen der Verlauf der Jahrzehnte ansieht. Auch walzen und kneten sie die Leinwände, um altehrwürdige Risse in der Farbschicht zu erzeugen.

Sie recherchieren genauestens die Biografie des Künstlers und den Verbleib dessen echter Werke – wenn sie schon ein Werk fälschen, sollte es nicht schon durch einfache Überlegungen wie „Hä, es sind drei Versionen von Die gelbe Ente im Gewitter bekannt, und jetzt verkauft jemand noch eine vierte…“ auffliegen.

Deshalb fälscht man doch lieber Werke, die zum Beispiel während dem zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, oder die von reichen und anonymen Käufern zusammengerafft wurden, und nun, vor der Öffentlichkeit versteckt, in einer Luxusvilla hängen.

Oder noch besser: Werke, die den Kunsthistorikern bis jetzt völlig unbekannt geblieben sind. Sie werden vom Fälschern erschaffen, und somit per se nicht gefälscht. Sie passen aber, dank der akribischen Recherche des Fälschers, tadellos zum Gesamtwerk diesjenigen Künstlers. Sie fügen sich nahtlos in die Biografie und den stilistischen Wandel des Künstlers ein.

Aber der „van Gogh“ wurde eben nicht von diesem van Gogh gemalt.

Und darum sind Fälschungen so schön: Sie besitzen eine äusserst prekäre Existenz, weil die Fälschung jederzeit aufgedeckt werden könnte, so zum Beispiel durch eine Untersuchung im GC-MS, im Gaschromatographen mit nachgeschaltetem Massenspektrometer. Da wird gnadenlos aufgedeckt, ob etwa synthetische Pigmente vorhanden sind.

Und sie sind so schön, weil sie den Ruf des grossen Künstlers gnadenlos ausnutzen, obwohl sie unabhängig von ihm entstanden sind.

Eine Fälschung, die für Millionen verkauft wird, ist eine funktionierende Steuer auf das „Lechz, lechz, oh, ein Vermeer!“, eine Strafe dafür, dass ein Kunst-Käufer in wohlklingende Namen verliebt ist, anstelle das Bild an und für sich zu schätzen.

Vielleicht könnte, wenn es mal genug Fälschungen gäbe, ein generelles Misstrauen gegenüber den grossen Namen und den hellen Sternen im Kunsthimmel entstehen. Vielleicht wären dann die Sammler alle gezwungen, Kunst zu kaufen, ohne eine Ahnung zu haben, von wem es stammt – und das Werk für sich sprechen zu lassen.

Und somit halte ich gerade Fälschungen für echt. Zweifelt daran, was euch über ein Werk erzählt wird. Entdeckt es für euch selbst. Und man wird euch nie betrügen können.

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4 Gedanken zu “Echte Kunst!

    • turtle of doom schreibt:

      Oh. Die gelbe Ente? Oh. Klick macht es jetzt. 🙂

      Ich habe mich aber nicht von anderen Blogs beeinflussen lassen, insbesondere nicht von Drogen verkaufenden Blogs. 😛

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  1. Wahrheit! Wahrheit!
    Eine Sina wittert einen verdammt wahren und klaren und weltsichts-verbessernden Gedanken!
    „Und somit halte ich gerade Fälschungen für echt.“ Wunderbar.
    Kröte – I like it 🙂

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    • turtle of doom schreibt:

      Ich hoffe, hast dich wieder aufrappeln können, nach dem dich diese umwerfende Lehre umgeworfen hat. 🙂

      Herzlich Willkommem auf meinem Blog!

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