Alle Menschen in einen Topf werfen

Ja, das sollte man nicht. Weil alle Menschen individuell sind. Und trotzdem ist es gut, es zu tun.

Man reist in ein fernes Land, dazu noch in ein abgelegenes Gebiet. Du bist der erste Europäer, der längere Zeit dort verweilt. Du erzählst den Leuten, wo du herkommst. Und wie du dich verhältst, so wird es deren Bild von einem „Europäer“ prägen.

Du suchst ein Hotel auf. Wirdst angeblafft, wenn du unverschuldet zu spät ankommst, auf deine Fragen wird kaum eingegangen, und hast du eine Beschwerde, hat man erst recht keine Zeit. Wird dein Urteil auf den gesamten Betrieb abfärben, oder denkst du – und sei jetzt ehrlich – ob es nur ein Einzelfall war, ein einzelner, unhöflicher Mitarbeiter?

Du bist ein Veganer oder eine Veganerin, und erklärst allen Leuten, warum deine Ernährungsweise die einzig richtige ist. Ungefragt. Glauben die Leute dann eher, Veganer könnten sich mit ihrer Meinung zurückhalten, und würden die Geduld aufweisen, sich deine Sichtweise zu Gemüte zu führen?

Egal was du tust – wenn du in einer hitzigen Diskussion für Israel und gegen „diese Palästinenser“ Stellung beziehst, dann bist du, ob du es nun willst oder nicht, ein Botschafter Israels. Oder eben einer der Palästinenser, falls du die umgekehrte Rolle übernimmst.

Oder du erzählst von deiner Familie. Dann bist du der Vertreter, oder die Vertreterin deiner Familie. Widerspruch zwecklos: Du vertrittst andere Menschen. Du führst ein Geschäft in ihrem Namen. Und diese anderen Leute wissen nicht, welche Dinge du in ihrem Namen erzählst. Und in welchem Ton.

Ich gehe davon aus, dass du zur grossen Mehrheit gehört, die sich anständig verhält, die auf Kritikpunkte eingeht, die versucht, zuerst zu verstehen und erst dann sich zu äussern. Und du bist als Bewohnerin deines Landes in einem Topf mit vielen anderen Mitbürgerinnen. Du bist als Tierschützer in einem Topf mit anderen Leuten, die sich auch Tierschützer nennen. Oder du bist ein Student, der zusammen mit anderen mehr oder weniger fleissigen Studenten unter der Marke „Der Student“ auftritt.

Und du regst dich dann über einige Knalltüten auf, die durch ihr Handeln oder durch ihre Worte deine „Marke“, deinen Ruf ramponieren. Du hast dann zwei Möglichkeiten. Oder eher drei.

  1. Du tust nichts, weil du mit diesen Knalltüten nichts zu tun hast, und nicht für ihr Handeln verantwortlich bist.
  2. Du äusserst dich, und sagst, man solle dich und diese Knalltüten nicht in einen Topf werfen. Man solle die Sache differenziert betrachten.
  3. Du versuchst, dich mit klaren Äusserungen von den Knalltüten abzugrenzen, oder sie auszugrenzen, falls dies nichts fruchtet.

1, 2 oder 3?

Die erste Möglichkeit ist erstmal sehr bequem. Sie erfordert keine Handlung von dir selbst. Du lässt dich von den Knalltüten nicht beeindrucken. Das sind ja nur Krawallbrüder am Rande.

Aber durch ihr Auftreten ziehen sie den Ruf deiner Gruppierung herunter. Man assoziiert deine Gruppe aufgrund der Extremisten mit Gedanken, welche du eben nicht teilst. Und wenn man dich darauf anspricht, musst du dich erklären. „Was? Aber ich dachte, du seist doch auch gegen die Abtreibung, weil du bei … dabei bist?“

Die zweite Möglichkeit ist etwas weniger bequem. Aber immer noch sehr bequem. Man wirft dem Publikum sozusagen vor, sie hätten den Knalltüten, die aber in deinem Namen gehandelt haben, doch nicht zuhören sollen. Oder sie hätten die Botschaft deiner Gruppierung falsch verstanden.

Beide Möglichkeiten ignorieren, dass alle – aber vor allem die Lärmigen und die Lauten, die Zeterer und die Brüller – durch ihre Lautstärke und ihre Präsenz die Botschafter deiner Gruppe sind.

Bleibt noch die dritte Möglichkeit: Seine Marke zu pflegen! Zu versuchen, seine eigene Gruppierung, ob „Christ“ oder „Veganer“ oder „Gebrauchtwagenhändler“, mit einem guten Ruf zu verknüpfen. Indem man sich abgrenzt, sich klar äussert, indem man zu einer Debatte aufruft, indem man nicht stillschweigend den Bischöfen, die trotz „Nächstenliebe“ Homosexuelle und Geschiedene als minderwertig behandeln, das Feld überlässt. Man verschafft sich Gehör, man übernimmt die aktiv Rolle als Botschafter seiner Gruppierung, seiner Glaubensgruppe, seines Herkunftslandes oder seiner Überzeugung.

Du wirdst in einen Topf geworfen, ob es dir nun gefällt oder nicht. Du unterhältst und pflegst den Ruf der Leute, deren Botschafter du bist. Bist du reich, dann sei grosszügig und verstecke dich nicht in deiner Villa oder im Schauspielhaus. Bist du gelehrt, dann sag nicht allen Leuten, was Sache ist. Bist du intelligent, dann löse gemeinsam mit deinen Mitmenschen die anstehenden Probleme.

Die Pöbler und die Unflätigen am Rande deiner Gruppe sind Gegner. Auch wenn sie zu dir gehören, auch wenn sie prinzipiell deiner Meinung sind. Aber sie prägen auch dein Image, wenn du ihnen das Wort überlässt, und nicht dagegen hältst. Falsche Loyalität ist fehl am Platze – man möchte ja nicht für einen Rüpel seine Hand ins Feuer legen, sondern für eine Idee, die man gemeinsam gut findet.

Alle Menschen in einen Topf werfen?

Oh ja! Sprecht die Gemässigten immer schön auf die Extremisten an, die unter der selben Flagge mitlaufen. Nur dies erzeugt den notwendigen Druck, um die stille Mehrheit zu einer Standortbestimmung und zur Imagepflege zu drängen.

Der grosse Topf, in welchem man mithängt, ist ein grossartiges Werkzeug. Es fördert DEINE Zivilcourage. Geh raus, mache etwas, übernehme Verantwortung, und helfe mit, zusammen mit anderen Leuten einen guten Namen aufzubauen.

Turtles can fly

Ja, Schildkröten können fliegen.

„Turtles can fly“ ist nicht nur der Titel eines kurdischen Kriegsdramas, der das Leben der Bevölkerung gleich nach dem Sturz Saddam Husseins zeigt. „Turtles can fly“ ist auch der Startpunkt für so einige Überlegungen im Bereich der Privatfliegerei.

Warum sollten Schildkröten nicht fliegen?

Zuerst einmal fallen sie nicht gerade durch ein niedriges Gewicht aus. Während Flugzeuge aus zumeist aus 7075-Aluminium gebaut sind – eine Legierung aus geringen Anteilen Zink, Magnesium und Kupfer, sehr leicht, trotzdem sehr stabil – haben Schildkröten vier Ständer, mit denen sie sich vom Boden abheben, wenn sie nicht gerade zu faul dafür sind. Diese Faulheit wird durch akuten Hunger zwar drastisch reduziert, aber trotzdem ist die Gemütlichkeit von Schildkröten kaum zu überbieten.

„Mich zwickt etwas am Po. Soll ich mich jetzt mühsam umdrehen und mit dieser fiesen Ameise ein paar ernste Wörtchen reden?“

Natürlich würde sich die Schildkröte für etwas Gelassenheit entscheiden, denn die Ameise wäre längst über alle Berge sobald die Kröte sich umgedreht hat.

Interessant ist die Stromlinienform des Schildkrötengehäuses. Insbesondere Meeresschildkröten achten bei ihrer Ernährungsweise auf einen schlanken Panzer, mit dem sie sprichwörtlich durchs Wasser fliegen. Bei Landschildkröten ebenso – im Galopp können Schildkröten beachtliche, sogar den Hauskatzen ebenbürtige Geschwindigkeiten erreichen. Nun hat aber mein Professor für Wirbeltierbiologie mal – völlig ungefragt – erklärt: „Ich habe noch nie eine galoppierende Schildkröte gesehen.“

Womit er wohl recht hat, denn ich bin kein Professor. Und womit wir beim nächsten Problem sind: Der Antrieb. Der lässt einen Galopp gar nicht zu. Aber zunächst mal zu den Problemen, die schon gelöst sind:

  • Bei allen Schildkröten ist die Oberseite des Panzers stärker gewölbt als die Unterseite. Wenn also Luft den Panzer umströmt, legt der Luftstrom über dem Tier einen weiteren Weg zurück als jener, der den Körper unterströmt. Damit aber der Luftstrom sich hinten zur gleichen Zeit vereinigt, muss die Luft, die den Umweg nimmt, schneller fliessen. Daraus resultiert ein Unterdruck, der einen Auftrieb erzeugt.
  • Die Steuerung ist recht simpel. Zwar hat eine Schildkröte von Hause aus keine Steuerflächen wie Höhen- oder Querruder. Trotzdem kann eine Kröte ihre Pfoten Stampfer einziehen, und so den Schwerpunkt verlagern und so den Kurvenflug ein- bzw. ausleiten.
  • Sichere Landungen werden durch langjähriges Vertrauen aufs Kopfeinziehen und einen stabilen Panzer gewährleistet. Mit Vorteil wird in einem Sumpf gelandet, wo hilfsbereite Kollegen und Kollegen schon bereitstehen. Es gibt nichts, das mit ein wenig Panzertape nicht repariert werden kann.

Und eben, der Antrieb.

Da bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte eine Schildkröte auf einem Hügel oben überwintern, und bei genügend Schnee einfach runterrutschen, um die Geschwindigkeiten V1 und V2 zu erreichen und dann in den warmen Süden fliegen.

V1 ist nur relevant, wenn die Startbahn aus irgendeinem Grund zu kurz ist, um den Start sicher abbrechen zu können. Zum Beispiel eine Mauer, mit welcher der Pilot kollidieren würde. V1 ist die Geschwindigkeit, über welcher ein Start nicht mehr abgebrochen werden darf. Unterhalb von V1 kann man immer noch bremsen, zum Stillstand kommen, tief Durchatmen, und nachher einen neuen Versuch wagen.

V2 ist die Geschwindigkeit, bei welcher der Auftrieb genug gross ist, um sicher abheben zu können. Und um V2 zu ermitteln, müsste man eine Schildkröte mit Pilotenbrille ausstatten und im Windkanal fliegen lassen, angebunden an ein Newtonmeter um Luftwiderstand und Auftrieb zu messen.

…Forschung tut Not. Insbesondere auch dazu, wie eine Schildkröte während dem Flug genügend Antrieb erfährt. Immerhin gibts dazu schon Konzeptstudien, welche aber das Innenleben des Tieres gehörig umkrempeln würde:

Und das ist gerade das Schöne: Man setzt sich etwas in den Kopf, glaubt an die grundsätzliche Möglichkeit eines Unterfangens, und klopft alle möglichen Wege, die zum Erfolg führen könnten, ab. Und ja, das ist auch Grundlagenforschung.

Grundlagenforschung ist, wenn Du keine Ahnung hast, wozu deine Überlegungen gut sind.

Mit jeder halbwegs beantworteten Frage stösst man auf zwei neue, die nach einer Beantwortung rufen. Man lernt und lernt mehr – handfestes Wissen aus dem Bereich Aerodynamik und Flugzeugbau.

Und das macht mich glücklich. Auch auf der Arbeit. „Vielleicht könnte man es mit Methoden X oder Y lösen, die ich beide mal angeschaut hatte, als ich früher mal mit einer dummen Idee herumgespielt hatte…“

Man braucht eben Zeit zum Spielen.

Wie eitel es ist

Von Henry David Thoreau, der im 19. Jahrhundert in Massachussetts lebte, unter anderem als Steuerverweigerer und Einsiedler bekannt wurde, stammt dieses Zitat:

How vain it is to sit down and write when you have not stood up to live.

Auf deutsch:

Wie eitel es ist, sich fürs Schreiben niederzusetzen wenn man im Leben nicht aufgestanden ist.

Das Original ist auf eine wunderbare Weise doppeldeutig, was meine Übersetzung eben nicht widergeben kann. Nicht nur ist das Aufstehen wortwörtlich gemeint. Es geht auch ums „to stand up to“ – sich gegen Widrigkeiten behaupten, sich durchsetzen. Oder einfach einer Sache ebenbürtig zu sein.

Wie eitel es ist, wegen des Schreibens willens zu schreiben.

Wie eitel es ist, Worte zu schreiben, die keinen Inhalt tragen.

Wie eitel es ist, Bettina Wulffs mehr oder weniger von Geistern geschriebenen Memoiren zu lesen, wenn es wahre und haarsträubende Berg-Geschichten von Walter Bonatti gibt.

Dies ist das grosse Problem, wenn man sich zum Schreiben niedersetzt. Über was soll man bitteschön… schreiben? Schon in der Schule kam alljährlich der grosse Schock: „Hausaufgabe: Schreibt bis Freitag einen Aufsatz. Thema: Was habt ihr in den Sommerferien erlebt?“

Ja, nun, huch, was habe ich denn da getan? Vermutlich etwas mit Schwimmbad, Lesen, TV. Natürlich herrscht dann ein gewisser Druck auf den SchülerInnen, die zu Hause blieben, und zum Beispiel nicht übers Disneyland, das Rote Meer oder Camping schreiben konnten.

Vielleicht ist diese Belastung auf dem Rücken jedes noch so kleinen Schreiberling doch das Beste, was ihm geschehen kann. Und wer was erlebt hat, muss kaum jemals ein leeres Blatt einen weissen Bildschirm anstarren, und schweisstreibend nach einem Thema suchen.

Falsche Christen, falsche Väter

Es gibt da so einen Typen, den Josh Duggar. Mitglied des konservativen und so ziemlich „christlichen“ „Family Research Council“. Relevant ist es gerade, weil Josh Duggar als wichtiges Tier im FRC so gut wie alle republikanischen Präsidentschaftskandidaten unterstützt.

Es ist rausgekommen, dass er – zwar als Jugendlicher – in einigen Fällen Mädchen sexuell missbraucht hatte, darunter eigene Geschwister. Und nun predigt er in Gottesdiensten davon, dass die sexuelle Reinheit bis zur Ehe das grösste Geschenk Gottes sei. Das es zu schützen gelte. Und benutzt dabei Parabeln wie ein Topf, in welchem jeder Gottesdienstbesucher reinspuckt. Würdest du aus diesem Topf trinken? Würdest du mit einer Frau schlafen, die ihre „Reinheit“ nicht mehr besitzt?

Gleichzeitig aber werden die Opfer nie eine Anzeige stellen. Der Täter fiel einer Schwäche anheim, und das ist ihm zu verzeihen. Und dann der familiäre Zusammenhalt, den es unbedingt zu wahren gilt. Eine Anzeige zerstört sowas doch nur, also halte ich lieber die Klappe und bleibe ein guter Christ.

Nun, Jim nannte eine Zahl. Einer der amerikanischen Freunde, die ich habe.

„The average age of a victim reporting child molestation/abuse is … wait for it … 36.“

Daraufhin konnte ich nichts anderes, als zu antworten. Warum es so lange dauert. Gibt auch eine persönliche Geschichte.

Pardon my English, and please bear with me.

——————-000–(°_°)–000—————-

1st relationship: You hope your scars won’t be noticed anymore by yourself and never by your partner. Problems, a lot of, will crop up as soon as you want to play certain things in your bed.

2nd relationship: You’re sure that you’ll find a understanding partner that time. Somebody who doesn’t mind giving you lots of time to heal these wounds. There’s the risk of deceiving yourself or he’s deceiving himself while promising to be patient.

And these relationships will be LONG because… you’ve been hurt and you don’t want to hurt your partner by telling the truth. They expect something from a partner – that’s normal. Depending on these expectations, these revelations will prove to be relationship-ending.

And so they end up with half their lives gone with unhappy relationships. And then they will find they have to sort of hate the perpetrator in order to achieve some peace of mind, which is un-Christian.

I’ve through this myself. Not in a sexual way, but it was a major parenting failure. Darth Father tells me to take high school more earnest, to study more and harder, and not to take it leisurely. (It wasn’t about seeking „leisure“, Pa.) He told me I would fail university.

And then I set out to prove him wrong. Did the BSc and MSc in regular time, despite my severe hearing disability. And then… no recognition whatsoever. Only a handshake. „Congratulations.“ No making up for his previous distrust.

Getting the MSc was not the time of joy, but it was the time I really broke inside and didn’t want to excel any more. Then I bumbled along into the future. I the last years I found out that I had to be angry at my father in order to do my research work. As it’s my life, I have to set priorities straight. During the last talk with my dear and lovely father he told I’m not thankful enough for the support he gave me. That talk was 11 years ago.

Plus, I have a older brother who has never committed to a clear stance about this father-son thing, as he was always father’s darling. Yes, and it’s sad that I can’t regard that brother as what he’d like to be, a brother. He’s a stranger to me because of that. I know it’s wrong and it should be better. But the onus on giving me a clear answer rests on him, as this can surely be expected from somebody you want to trust. After all, he would profit from that trust I want to give him.

Putting a long story short: I don’t want to imagine how it will feel for those that have been through much worse things. You, as a parent, as a family member, you are responsible for the proverbial hell of somebody else. Don’t hold up certain values, may they be „Christian“, „You must love your parents“, or whatever they are, when they just serve as a façade to your shortcomings.

Das Haus am Hang

Um zu erfahren, wo ich denn so stehe und wohin es denn so weitergehen soll, besuchte ich einen Kurs. Wir uns lange gegenseitig befragt, nach Stärken und Schwächen, nach beruflichen Erfahrungen, nach Hobbies, die irgendwie sich irgendwie in die Laufbahn integrieren liessen.

In meinem Fall waren es zwei Hobbies – Blindenbetreuung und Nachhilfelehrer sein – welche die anderen Kursteilnehmer dazu brachten, mir eine pädagogische Weiterbildung nahe zu legen. Trotzdem – und dies freute und beruhigte mich ziemlich – sah das grosse Bild so aus: Du bist ein Wissenschafter. Du magst es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und du kannst auch schwierige Themen auf eine ansprechende Weise einem Publikum erklären.

Wenn in einem Vortrag über Infektionskrankheiten plötzlich ein Öltanker im Widescreen-Format zu sehen ist, dann war es wahrscheinlich ein Vortrag von dieser schreibenden Schildkröte hier.

Und dann lautete die Aufgabe im Kurs: Tut was etwas, das euch ganz gut tut.

Wir werden euch in der nächsten Stunde ausfragen. Also, tut etwas. Das euch gut tut.

Um dieses Problem zu lösen, ruft man eben um neun Uhr morgens die Oma an, fragt, ob sie für einen Besuch aufgelegt sei, und ob in ihrem Heim ein Bett frei sei – was sie eindrucksvoll bejaht – und ich solle bloss sagen, um welche Zeit ich bei ihr ankomme.

Während sich der Zug durch die hügelige, teils saftig grüne, teils bewaldete Landschaft schlängelt, nehme ich mit dem Handy ein paar Fotos auf. Denn ich wollte einigen Freunden aus Deutschland zeigen, wie die Gegend meiner Vorfahren so aussieht.

„Oh schön“, schrieben sie zurück. Und stellten mir einige Fragen, die ich aber nicht beantworten konnte.

Die Antwort kam von meiner Oma.

chabisrain„Du, das ist das Haus deines Ururgrossvaters.“

Mein Opa wuchs im selben Dorf auf, meine Oma im direkt benachbarten.

Und da begann sie über das Leben bei den Bauern zu erzählen. Wie meine Oma als Schulmädchen ein wenig Geld verdiente, indem sie den Arbeitern auf dem Feld Wasser brachte. Sie erzählte vom Knecht, der damals 1200 Franken im Jahr verdiente – wenn ein Knecht für die Pferde oder die Küche verantwortlich war, verdiente er mehr.

Am „Knechtesonntag“, am 2. Januar, hatten die Knechte frei. Sie machten dann ihre Kommissionen – schweizerisch für Besorgungen. Sie gingen zum Schuster und gaben die neuen Schuhe in Auftrag. Sie kauften im Dorfladen Wolle, um neue Socken lismen zu lassen. Oder einen zwei Kilo schweren Sack Tubak zum Kauen. Den Rest brachten sie auf die Bank.

Sie erzählte auch von der damals grassierenden Armut. Ärmer als arm seien einige Leute gewesen. Kleine Kinder zu dritt in einem Bett. Bauernhäuser, in welchen einzig die Küche und die Wohnstube geheizt werden konnte – denn der Ofen war integraler Bestandteil der Wand zwischen Küche und Stube.

Die Mutter meiner Oma besass einen Laden, welcher noch Pyjamas verkaufte, die innen mit einer Art „Plüsch“ gefüttert waren. Dies war aufgrund der Kälte auch bitter notwendig.

Wir leben nur eine begrenzte Zeit auf dieser Erde. Hatte ich als Kind noch eine gewisse Angst vor dem Sterben, hatte ich als Kind in einem Jugendmagazin einen Beitrag über den Tod und das Sterben gelesen, da musste ich nach dem Lesen heftig weinen. Warum müssen wir gehen? Warum kann die Unbeschwertheit, die Gesundheit, die Sonne und die Freunde nicht ewig währen?

Als junger Erwachsener war mir der Tod so egal wie er fern war. Unsere Familie ist von Unglücksfällen und schweren Krankheiten derart verschont, dass ich in meinen genealogischen Papieren sehr weit suchen müsste, um jemanden zu finden, der in einem Alter von weniger als fünfzig Jahren starb.

Von meinen Grosseltern lebt nun nur noch die Oma.

Mein Bild vom Tod wandelt sich wieder. Nun betrifft es mich mehr und mehr. Nämlich gar keine Grosseltern mehr zu haben – niemand mehr, die über die alte Zeit Auskunft geben kann und diese alte Zeit selbst noch gesehen hat. Als „Gramper“, Bahnarbeiter, im Takt mit schweren Hämmern aufs Schotterbett schlugen, um die Unterlage der Geleise wieder zu festigen. Als man noch Welschland-Jahre machte, und dabei die Spitfires und Mustangs über dem Genfersee fliegen sah und französische Ortschaften brennen.
Wir sitzen als Kinder gebannt vor unseren Grosseltern, hören uns ihre Geschichten an, glauben ihnen jedes Wort. Aber irgendwann stehen wir vor der Asche und suchen tastend nach glimmenden Stücken, die uns noch ein wenig Wärme spenden könnten.

Echte Kunst!

Kunstfälscher, sofern sie nicht gerade auffliegen wollen, studieren jahrelang den Stil und die Technik der Maler, die sie imitieren wollen. Sie stellen, sofern möglich, dieselbe Farben her, mit denen man vor dreihundert Jahren malte, sie versuchen, irgendwo gleichwertige Pinsel aufzutreiben.

Auch konstruieren sie Öfen, um die Gemälde zu mit Hitze zu beschädigen, damit man ihnen der Verlauf der Jahrzehnte ansieht. Auch walzen und kneten sie die Leinwände, um altehrwürdige Risse in der Farbschicht zu erzeugen.

Sie recherchieren genauestens die Biografie des Künstlers und den Verbleib dessen echter Werke – wenn sie schon ein Werk fälschen, sollte es nicht schon durch einfache Überlegungen wie „Hä, es sind drei Versionen von Die gelbe Ente im Gewitter bekannt, und jetzt verkauft jemand noch eine vierte…“ auffliegen.

Deshalb fälscht man doch lieber Werke, die zum Beispiel während dem zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, oder die von reichen und anonymen Käufern zusammengerafft wurden, und nun, vor der Öffentlichkeit versteckt, in einer Luxusvilla hängen.

Oder noch besser: Werke, die den Kunsthistorikern bis jetzt völlig unbekannt geblieben sind. Sie werden vom Fälschern erschaffen, und somit per se nicht gefälscht. Sie passen aber, dank der akribischen Recherche des Fälschers, tadellos zum Gesamtwerk diesjenigen Künstlers. Sie fügen sich nahtlos in die Biografie und den stilistischen Wandel des Künstlers ein.

Aber der „van Gogh“ wurde eben nicht von diesem van Gogh gemalt.

Und darum sind Fälschungen so schön: Sie besitzen eine äusserst prekäre Existenz, weil die Fälschung jederzeit aufgedeckt werden könnte, so zum Beispiel durch eine Untersuchung im GC-MS, im Gaschromatographen mit nachgeschaltetem Massenspektrometer. Da wird gnadenlos aufgedeckt, ob etwa synthetische Pigmente vorhanden sind.

Und sie sind so schön, weil sie den Ruf des grossen Künstlers gnadenlos ausnutzen, obwohl sie unabhängig von ihm entstanden sind.

Eine Fälschung, die für Millionen verkauft wird, ist eine funktionierende Steuer auf das „Lechz, lechz, oh, ein Vermeer!“, eine Strafe dafür, dass ein Kunst-Käufer in wohlklingende Namen verliebt ist, anstelle das Bild an und für sich zu schätzen.

Vielleicht könnte, wenn es mal genug Fälschungen gäbe, ein generelles Misstrauen gegenüber den grossen Namen und den hellen Sternen im Kunsthimmel entstehen. Vielleicht wären dann die Sammler alle gezwungen, Kunst zu kaufen, ohne eine Ahnung zu haben, von wem es stammt – und das Werk für sich sprechen zu lassen.

Und somit halte ich gerade Fälschungen für echt. Zweifelt daran, was euch über ein Werk erzählt wird. Entdeckt es für euch selbst. Und man wird euch nie betrügen können.

Tick-tack-tick-tack, tick-tack, tick-tack-tack.

Unter dem Eindruck meines zuletzt gelesenen Buches schreibe ich meinen Blogbeitrag. „Momo“ von Michael Ende.

Das Buch verfolgt mich schon deshalb, weil darin eine Schildkröte vorkommt, die exakt dreissig Minuten in die Zukunft schauen kann. Ich selber schaffe es gelegentlich auf zwanzig. Aber in seltenen Fällen kriege ich bloss sechs Minuten an weiser Voraussicht hin, und zwar dann, wenn der Zug in sieben Minuten fährt. Dann verpasse ich den Zug, was mir zusätzliche Zeit zu Hause einbringt, aber ein sehr unpraktisches zuwenig an Zeit an jenem Ort, wo ich eigentlich sein sollte.

Aber da es Weihnachten ist, schweife ich zurück zum eigentlichen Thema: Geschenke.

Und was ist für jeden Menschen das passende Geschenk, auch wenn man über seine Vorlieben völlig ahnungslos ist? Was kann man schenken, und zwar an Geburts-, Namens-, Hochzeits-, Trauer-, Weihnachts-, Glücks- und ganz anderen Tagen?

Zeit.

Die Empfängerin wird immer wissen, was man mit dieser Zeit tun kann. Wenn sie etwas für wichtig hält, wird sie davon erzählen. Wenn es an der Zeit ist, etwas zu fragen, wird dieser Mensch dich eben fragen.

Sie wird immer und von selbst wissen, wie man diese Zeit am besten nutzt.

Woher kommt aber Angst, man könnte seine Zeit verschwenden?

Dies ist für mich nur schwer zu begreifen. Denn die Zeit zerrinnt in den Händen aller Menschen. Kein einziger Mensch hat auch nur einen einzigen Tag länger gelebt, indem er seine Zeit gespart hatte. Nur Menschen, die zeitlebens nicht gelebt und sich eisern an ihre Zeit geklammert hatten fürchten das Fallbeil des Todes. Und es kommt für jeden Zeitsparer genug früh.
Zeit zu schenken ist auch deshalb so schön, weil es keine besonderen Fähigkeiten voraussetzt. Man muss weder einen guten Geschmack treffen, noch sich eine riesige Mühe geben. Das Geschenk kommt schon gut an, indem man aufmerksam und geduldig zuhört.

Zeit schenken ist noch viel schöner, weil man seine Zeit zwar sparen kann, aber genug Zeit trotzdem lebensnotwendig ist. Jeder seelisch entspannte, verstandesklare, mutspendende Moment deines Lebens existiert nur, weil du dir Zeit genommen hast. Und sie dir selbst geschenkt hast.

Und Zeit zu schenken ist noch sehr viel schöner, weil ohne solchen grosszügigen Zeitverschwendungen keine einzige Freundschaft entsteht. Und auch keine einzige wohltuende Veränderung im Leben.

Wie auch dieser Blog.